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Wie sich das Sterben verändert                                                                                                                 21. Oktober 2019

Forschung Die Hospizgruppe Donau-Ries feiert ihren 20. Geburtstag. In einem Vortrag erklärt ein Soziologe, wie sich der Wandel in der Gesellschaft auf das Lebensende auswirkt.

Von Peter Urban

 

Nördlingen Als „Labor der guten Gesellschaft“ hat Professor Werner Schneider die Hospizgruppe Donau-Ries bezeichnet. Er hielt einen Vortrag anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Gruppe in Nördlingen. Schneider ist seit 2003 Professor der Soziologie an der Universität Augsburg. Seit Mitte der 90er erforscht er in mehreren Grundlagen- sowie Praxisprojekten den gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod in verschiedenen Themenfeldern.

Lange war der Umgang mit Sterbenden auch in der Soziologie ein Randthema, sagt Schneider. Gesellschaftlich galt Sterben nicht nur hierzulande als Störfall, der Tod wurde tabuisiert. „Hochspannend“ sei es deshalb für ihn, zu erforschen, wie andere Gesellschaften, andere Kulturen mit dem Thema umgehen. Auch daraus leite er ab, was die Herausforderungen für unsere Gesellschaft auf den Feldern Medizin, Pflege oder Hospizarbeit in Zukunft sein werden. Das Lebensende als gesellschaftliche Aufgabe sieht der Soziologe bei Sorge-Kultur(en) und Sorge-Gemeinschaften in der Hospizidee in der nächsten Zukunft am besten aufgehoben.

Er stellte zunächst Sterben und Tod in den traditionellen Gesellschaften den Gepflogenheiten der modernen Gesellschaft gegenüber. Und kam zu dem Schluss, dass früher oder später unweigerlich „Caring Communities“, also Sorge-Gemeinschaften, als Ausdruck der modernen individualisierten Gesellschaft nötig sein werden. Denn die neuen Formen von Arbeit, von Lebensentwürfen und sozialen Sicherungen bedingten einen gesellschaftlichen Wandel. Und Schneider sagt klipp und klar voraus, dass sich der gesellschaftliche Rahmen und die Gestalt der Hospizarbeit grundlegend ändern werden. Der Soziologe sieht das von jedem Einzelnen ja idealerweise gewünschte „gute Sterben“ als normatives Programm: individuell vorgesorgt und organisiert, zum eigenen Leben passend und vor allem möglichst schmerzfrei, gut versorgt und – wenn gewünscht – umfassend begleitet. Kurz gesagt: selbstbestimmt und würdevoll.

Dabei unterscheidet Dr. Schneider klar zwischen Versorgung und Begleitung und sieht gerade deshalb Ehrenamtliche als prototypische Basis für „Wahlverwandtschaften“ und „Wahlgemeinschaften“, sprich: neuartige Sorge-Netze als soziale Innovationen.

Als Fazit zitiert Schneider seinen Kollegen Dr. Stefan Dreßke, der Hospizarbeit nicht nur als „Labor des guten Sterbens“, sondern auch des guten Zusammenlebens bezeichnet und der sagt: „Die Hospizbewegung als soziale Innovation war, ist und bleibt wichtig für die Gesellschaft“.

Diese und etliche weitere interessanten Thesen bekamen die Zuhörer im fast vollen Raiffeisensaal mit auf ihren weiteren Weg. Und auch viele Besucher, die nicht unmittelbar mit dem Thema betraut sind, waren sichtlich beeindruckt von Forschungsergebnissen, die er locker und dennoch fundiert zu berichten wusste. Hans Breithaupt, der Vorsitzende der Hospizgruppe Donau-Ries, zeigte sich beeindruckt vom (übrigens ehrenamtlichen) Vortrag Schneiders und der kostenlosen Überlassung der Vortragsräume. Er konnte außerdem aus den Händen von Paul W. Ritter, dem Vorstandsvorsitzendem der Raiffeisen-Volksbank Ries, einen Scheck in Höhe von 2000 Euro für die Arbeit seiner Hospizgruppe entgegennehmen.

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